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Muskeln im (Un)Gleichgewicht

Die menschliche Muskulatur wird immer öfter ungleichmässig gefordert – erhebliche Spannungsunterschiede sind die Folge. Wer muskulären Dysbalancen vorzubeugen will, muss sich bewegen!


Mit den Muskeln verhält es sich wie mit den Menschen: Sie wachsen mit ihren Aufgaben. Sind sie dauerhaft unterfordert, verkümmern sie und büssen an Fähigkeiten ein.
Der Mensch ist eigentlich nicht für die moderne Lebensweise konstruiert. Rund 60 Prozent der Erwerbstätigen leiden gelegentlich oder dauerhaft unter Rückenbeschwerden, etwa weil dieser Körperteil durch langes Sitzen sowie beim Heben und Tragen von Lasten wie Einkaufstaschen einseitig überfordert wird. Wer zwischendurch in einem anderen Stockwerk etwas zu erledigen hat, nimmt den Aufzug oder die Rolltreppe. Und nach Feierabend wird man von der S-Bahn nach Hause kutschiert, wo man es sich vor dem Fernsehgerät gemütlich macht.

Extreme Muskelarbeit
Zum Ausgleich kraxelt man im Urlaub auf einen Dreitausender oder gleitet stundenlang mit den Langlaufskiern durch die Winterlandschaft. Zugegeben, die Beispiele sind überzeichnet, so extrem fallen die Gegensätze zwischen bewegungsarmem Alltag und körperlicher Überforderung in den Ferien meistens nicht aus. Dennoch: Mit der zunehmenden Computerisierung des Alltags wird der Körper immer einseitiger gefordert. Im Durchschnitt bewegt sich der Mensch heute zwei Drittel weniger als vor 100 Jahren. Im Gegensatz dazu geben Teilnehmer am alljährlichen Ironman-Wettkampf auf Hawaii einen Anhaltspunkt dafür, welche Leistungen die Muskeln im guten Trainingszustand zu vollbringen vermögen: Die Leistungssportler sind zuerst 3,6 Kilometer als Schwimmer im offenen Meer unterwegs, anschliessend radeln sie180 Kilometer mit dem Fahrrad und schliesslich laufen sie noch 42 Kilometer Marathon.

Überanstrengte Muskeln
Bei Menschen, die sich wenig abwechslungsreich bewegen, wird ein Grossteil des Bewegungsapparates sehr ungleichmässig belastet. Gleichförmige Tätigkeiten, die nur bestimmten Körperpartien viel abverlangen, sorgen für grosse Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Muskeln; die Medizin spricht von «muskulären Dysbalancen».
Die Folgen sind unter anderem schmerzhafte Verspannungen. Möglich sind auch einseitige Gelenk-abnützungen, die zu Schmerzen führen. Grosse Differenzen in der Muskulatur gelten als Hauptauslöser für die meisten Beschwerden im Bewegungsapparat. Bei ausgeprägten Dysbalancen kann sich die Statik einzelner Körperregionen oder sogar des ganzen Skelettes verschieben. Die geschwächten Muskeln vermögen die Knochen und die Gelenke kaum noch stabil zu halten.

Gefährdet: Rücken, Bauch, Becken
Dadurch kann es zu Fehlhaltungen kommen – diese überfordern ihrerseits einzelne Bereiche. Eine typische und besonders häufige Dysbalance tritt bei vielen Menschen bei sitzender Tätigkeit auf. Wenn,  oft mit leicht hängenden Schultern, stundenlang am PC, am Fliessband oder an der Ladenkasse gearbeitet wird, nimmt der Rücken eine Rundform ein. Seine Muskeln werden inen schlaffen, zusammengefallenen Eindruck. Gleichzeitig wird in dieser Sitzhaltung automatisch der Kopf nach vorne gereckt. Dabei wird zusätzlich die Schulter- und Nackenmuskulatur überdehnt, mit der Zeit kommt es zu Beschwerden. Häufig ist auch das Becken von muskulären Dysbalancen betroffen. Weil es von zu schwachen Muskeln wenig stabil gehalten wird, kippt es leicht nach vorn. Dadurch verschiebt sich die Statik des Oberkörpers, es kann zu einem ausgeprägten Hohlkreuz kommen. Rückenbeschwerden sind die Konsequenz. Ein Becken, das nicht in der richtigen Position gehalten wird, kann unter Umständen auch zu ungewolltem Urinverlust und zu weiteren Blasenstörungen führen. Auch Impotenz und Probleme mit der Orgasmusfähigkeit sind mögliche Folgen. 

Unvorteilhafte Bewegungsgewohnheiten
Ab dem Krabbelstadium entwickeln sich Bewegungsmuster sehr individuell. Gelegentlich eignet man sich dabei auch wenig vorteilhafte Abläufe an. Manche Kleinkinder werden beispielsweise sehr früh dazu angehalten, auf zwei Beinen zu gehen. Die Eltern ziehen sie immer wieder in die Höhe und ermuntern sie zu laufen. Dabei können noch zu schwache Muskeln und Sehnen der Beine mit den häufigen Gehversuchen überfordert werden. Als Folge kann es zu einer dauerhaft verkrampften Unterschenkelmuskulatur kommen. Sie bleibt zum Teil auch übermässig angespannt, wenn die Muskeln in späteren Lebensjahren kräftig genug geworden sind. Unter Umständen breitet sich die Anspannung auch auf das Becken und die Wirbelsäule aus. Das einmal Antrainierte bleibt im Bewegungsapparat und im Gehirn gespeichert, es korrigiert sich selten von selbst.

Spannungsausgleich durch Freizeitsport
Um muskulären Dysbalancen vorzubeugen, sollten gleichförmige Belastungen bei der Arbeit, beim Hobby und im Freizeitsport immer wieder durch Räkeln, Strecken, Dehnen und durch Lockerungsübungen ausgeglichen werden.
Sportarten, die den Körper ganzheitlich fordern, sorgen für Spannungsausgleich: Nordic Walking, Wassergymnastik, Langlauf,  Schwimmen, Tanzen, Klettern oder Tai Chi. Grundsätzlich gilt: Wer Sport  regelmässig betreiben will, sollte sich durch eine qualifizierte und erfahrene Fachperson schulen lassen. So kann man vermeiden, sich ein ungünstiges Bewegungsverhalten anzugewöhnen. Zudem muss man der bisher wenig geforderten Muskulatur genügend Zeit lassen, um sich an die erhöhten Anforderungen zu gewöhnen. Mit einem Latexband (in Sportabteilungen von Supermärkten) oder einem alten Fahrradschlauch kann man wenig beanspruchte Muskeln ein paar Minuten pro Tag trainieren. Das wirkt sich positiv auf Stabilität und Statik des Bewegungsapparates und der einzelnen Gelenke aus. In der zweiten Lebenshälfte ist regelmässiges, abwechslungsreiches Muskeltraining besonders wichtig. Schon ab etwa 30 verliert der Mensch pro Jahr rund 1 Prozent seiner Muskelmasse. Durch hormonelle Veränderungen wird sie in Fettgewebe umgewandelt. Durch körperliche Aktivitäten lässt sich dieser Abbauprozess erheblich reduzieren. Dabei ist Regelmäs-sigkeit und Abwechslung für den Körper hilfreicher als das ehrgeizige Anstreben von Spitzenleistungen. 

Bewegungsverhalten optimieren
Bei ausgeprägten muskulären Dysbalancen kann ein Besuch bei einem Facharzt für Orthopädie oder bei einer Physiotherapeutin hilfreich sein. Oft hilft gezieltes Trainieren einer einzelnen Körperpartie unter fachkundiger Anleitung, um chronische Beschwerden zum Verschwinden zu bringen. Gezielte Kräftigung des Beckenbereichs, z.B. nach der Methode von Benita Cantieni* wirkt sich unter anderem positiv auf die Stabilität des Oberkörpers aus. Im Weiteren sorgen in Chiropraktik oder Atlaslogie ausgebildete Fachpersonen mit gezielten Handgriffen für den Ausgleich von Fehlspannungen. Bewegungsschulungen wie z.B. Alexander-Technik oder Feldenkrais können ungünstige Bewegungsgewohnheiten optimieren und damit Beschwerden vorbeugen oder abbauen.


Bei Menschen, die sich wenig abwechslungsreich bewegen, wird ein Grossteil des Bewegungsapparates sehr ungleichmässig belastet.

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