Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Claudia Rawer Chefredaktorin.

 

«Das neue Leben», wie das Heft zunächst hiess, startete mit einer Auflage von 10'000 Exemplaren. Der Name «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» wurde 1941 eingeführt. Heute gehört das monatlich erscheinende Magazin mit rund 80'000 Leserinnen und Lesern zu den wichtigsten Gesundheitsmagazinen der Schweiz.

Heute ist die Farbe Blau ein Markenzeichen,
doch mit Gelb fing alles an 

Seit Jahrzehnten ist die himmelblaue Titelseite ein Markenzeichen, so unverwechselbar wie das handliche Format (für viele einfach das «blaue Heft vom Vogel»). Dass eine Gesundheitszeitschrift, die schon 1929 erschien, auch heute noch existiert, ist angesichts der Schnelllebigkeit und des enormen Umbruchs in allen Medien ein wirklich aussergewöhnliches Ereignis.  

Zu verdanken ist dies dem Mut und dem Idealismus des jungen wie dem Pflichtbewusstsein und dem ungebrochenen Durchhaltevermögen des älteren Alfred Vogel.  

Als der noch nicht 27-jährige im März 1929 in Basel das erste Heft von «Das neue Leben – Im Lichte neuzeitlicher Erkenntnis» herausgab, wollte der Pflanzenexperte und Reformhausbesitzer gegen falsche Ernährung und ungesunde Lebensweise kämpfen, Hilfesuchenden Ratschläge geben und die Wirksamkeit von Naturheilpräparaten erörtern. Es war ein Kleinstbetrieb; die Zeitschrift ging an Kunden, Freunde, Anhänger und Patienten.

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„Das bin ich selbst, der sich der Sonne öffnet“

Auf dem für die damalige Zeit typischen Titelbild des «Neuen Lebens», das die Aufbruchstimmung der Reformbewegungen widerspiegelt, steht ein Mann mit ausgebreiteten Armen, der der Sonne, dem Leben und dem Kosmos entgegentritt. Das bin ich selbst, der sich der Sonne öffnet, soll der Naturheilkundige dazu gesagt haben. „Sonnenlichtnahrung“, das heisst Früchte, Gemüse und Getreide zu essen und zwar in möglichst unverändertem, naturbelassenem Zustand, war eines seiner zentralen Anliegen. Die Zeitschrift, schrieb der Herausgeber im März 1929, soll Erfahrungen, Beobachtungen und Erfolge aus Theorie und Praxis allgemein bekannt machen und dadurch jedem richtig eingestellten Menschen als liebevoller Ratgeber hilfreich zur Hand sein.  

Unschätzbar war von Anfang an die Mitarbeit von Alfred Vogels Frau, der Lehrerin Sophie Vogel. Sie, die Mutter von zwei Töchtern, war nicht nur eine kenntnisreiche Hilfe im Reformhaus, sie redigierte und illustrierte auch die Zeitschrift und dichtete unentwegt. Ein Beispiel aus der ersten Nummer von «Das neue Leben»: 

          Eine neue Zeit 
          Für die Ewigkeit
          Voll Glück und Wonne,
          Bringt Gottes Sonne!
          Glaubet, kämpfet und ringt,
          Bis es alle durchdringt,
          Bis dass es wird werden
          Friede auf Erden,
          Bis dass unsres Gottes Liebe und Licht 
          Siegend für immer das Dunkel durchbricht.

Hunderte von Gedichten – teilweise im Baslerdialekt – veröffentlichte Sophie Vogel im «Neuen Leben» und in den «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten». Ab 1930 betreute sie liebevoll eine eigene Rubrik mit der Überschrift „Zur Freude der Kinder“.

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Gesundheit: Das wertvollste Vermögen 

Obwohl Alfred Vogel alles andere als ein professioneller Verleger und kühl kalkulierender Geschäftsmann war, konnte er strategisch geschickt vorgehen und seine Botschaft in einer klugen Mischung aus Rationalität und Emotionalität an den Mann, die Frau bringen: Wenn Sie monatlich einen Tag fasten, dann tun Sie etwas Vorzügliches für Ihre Gesundheit und sparen erst noch mindestens ca. CHF 4.– pro Fastentag, was jährlich immerhin ca. CHF 50.– ausmachen würde. Wenn Sie nun CHF 5.– davon auf Postcheckkonto V 6883 einschicken, erhalten Sie «Das neue Leben» das ganze Jahr zugestellt und seine Ratschläge werden Ihnen, wenn Sie solche befolgen, mehr als das Hundertfache einbringen auf das Konto Ihres wertvollsten Vermögens, der Gesundheit. («Das neue Leben» Nr. 4 / 1929).

Die Ungunst der Zeit 

Schon 1932 wurde die Veröffentlichung unterbrochen. Im Vorwort der letzten Ausgabe von «Das neue Leben» liest man dazu: Wie so vieles andere, von grossen Idealen Getragene, musste auch «Das neue Leben» unter der Ungunst der Zeit leiden. Um der vielen Freunde willen, die auch in letzter Zeit treu zu uns standen und denen das Lesen unserer Zeitschrift zum Bedürfnis wurde, konnten wir uns zur gänzlichen Aufgabe derselben nicht entschliessen. Durch ein Übereinkommen wurde die Fusion mit dem «Wendepunkt» möglich. Vielen mag diese von Dr. Bircher-Benner redigierte Zeitschrift bereits bekannt sein. Alle unsere Abonnenten erhalten den «Wendepunkt» als Fortsetzung der nächsten drei Nummern gratis und wir würden es gerne sehen, wenn die Abonnenten des «Neuen Lebens» im «Wendepunkt» den Helfer und Freund finden würden, den wir ihnen drei Jahre lang sein durften.  

1932 also fusionierte die Zeitschrift mit Dr. Bircher-Benners «Wendepunkt». Alfred Vogel hat dort redaktionell mitgearbeitet, aber nur wenig publiziert. Beide Ernährungstherapeuten waren bis zum Tod Dr. Bircher-Benners 1939 befreundet.

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Von Basel ins Appenzell 

1933 zog die Familie Vogel ins Appenzellerland, zuerst nach Speicher und Trogen, später nach Teufen. Dort wurde sie von der naturärztlichen Praxis, einem Kinderheim sowie den beiden 1928 und 1929 geborenen Töchtern Ruth und Maya voll in Anspruch genommen. Zum Schreiben blieb nicht mehr viel Zeit.  

Der Umzug hatte noch andere Gründe. Das Appenzellerland geniesst traditionell den Ruf einer besonderen Heillandschaft, denn auf dem Gebiet der Naturheilkunde waren (und sind) die Gesetze des Kantons Appenzell liberaler als in anderen Schweizer Gegenden. Auf dem Hätschen, einer Anhöhe am Rande des Dorfes Teufen, kaufte Alfred Vogel 1937 aus dem Erlös des Reformhauses, das er in Basel geführt hatte, ein ehemaliges Kinderheim. Fortan war es Wohnhaus, Kur- und Kinderheim für 15 Gäste, Naturheilpraxis und „Frischpflanzen-Laboratorium“ in einem. Da erneut bald alles aus den Nähten zu platzen drohte, wurden in den folgenden Jahren zwei weitere Gebäude errichtet.

GN: Ratschläge zur richtigen Zeit 

Im April 1941 nahm Alfred Vogel das Zeitschriften-Projekt erneut in Angriff: das erste Heft der «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» erschien in Teufen. Zwei Jahre lang wurde die Zeitschrift unregelmässig publiziert. 1943, als das regelmässige monatliche Erscheinen garantiert war, begann man, die Jahrgänge zu zählen.  

1946 beschrieb Vogel die mit diesem Unternehmen verbundenen Herausforderungen so: Es war für mich ein grosser Entschluss, die «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» wieder herauszugeben, denn dies ist für mich, wie ich offen zugeben kann, mit grosser Mehrarbeit und finanziellem Opfer verbunden. Ausser der vielen Arbeit für das Schreiben der Artikel erfordert es einige 1'000 Franken, bis die Zeitung eingeführt ist und genügend zahlende Leser hat. Ich will dieses Opfer gerne bringen, denn ich freue mich immer, wenn ich aus den vielen Zuschriften ersehe, wie die aus der Praxis geschöpften Erfahrungen und Ratschläge da und dort gerade zur rechten Zeit erscheinen und damit andern wirklich helfen können.  

Die Anstrengung lohnte sich. Innerhalb der nächsten 16 Jahre erschienen, wie Alfred Vogel im Januar 1960 stolz anmerkte, insgesamt drei Millionen Exemplare.  

Dank dieses Erfolgs und als Tribut an den Fortschritt bekamen die «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» ab Januar 1960 ein neues Layout: 20 Seiten Umfang im heutigen Format, das einzige Foto auf dem Umschlag, die Titelseite in dem charakteristischen Blau und Weiss. Ein Markenzeichen war geschaffen!  

Die Fotografien auf dem Titelblatt steuerte in den nächsten dreissig Jahren Ruth Vogel bei, die ihren Vater auf vielen Reisen begleitete. Ob „Sonnenuntergang am Atitlansee in Guatemala“, „Flug nach Hawaii“, „Machu Picchu“ oder ”Furcla Surlej im Engadin“ – alle Titelbilder stammten von der begeisterten Amateurfotografin.

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Der Esstisch als Redaktionsstube, die Welt als Reiseziel 

Während vieler Jahre war das Wohnzimmer oder schlicht der Esstisch der Familie Vogel die „Redaktion“. Später hat der Weltreisende im Zug oder im Flugzeug Artikel verfasst oder diktiert und per Post nach Hause gesandt. Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer die handgeschriebenen Textentwürfe manchmal zu entziffern waren, erinnert sich Vogels langjährige Mitarbeiterin Heidi Wiesmann. 

Sophie Vogel, die 1982 starb, redigierte die Texte und stellte das Heft zusammen. Danach ging es in die Druckerei, und pünktlich zum Beginn des Monats lag die Zeitschrift im Briefkasten der Abonnenten. Alfred Vogels Vitalität, seine Neugier und seine direkte, bilderreiche Sprache prägten den Stil der Hefte. Die mit Herzblut, manchmal mit erhobenem Zeigefinger, aber nie mit Fanatismus geschriebenen Berichte sowie die Praxisnähe, mit der er die Themen anpackte, fesselten die Leser.

Heute fragt man sich, wie er das alles geschafft hat 

Neben seiner Tätigkeit als Naturarzt, seinen Forschungen und Experimenten in der Heilmittelherstellung aus Frischpflanzen war Alfred Vogel unermüdlich unterwegs, um Vorträge zu halten: in der Schweiz und im Ausland. Noch mit 88 Jahren hatte er einen unglaublichen Erfolg bei Radiovorträgen in Australien. Er konnte stundenlang frei von der Leber weg reden. Die Leute waren fasziniert, erinnert sich sein Mitarbeiter Remo Vetter. 

Ausserdem hat er ja immer Bücher geschrieben, 1952 erschien «Der kleine Doktor», das damals revolutionäre Hauptwerk, das inzwischen über zwei millionenmal verkauft und in elf Sprachen übersetzt wurde. Mit seiner Bekanntheit, welche durch die Vorträge und den Millionenseller «Der kleine Doktor» rasant anstieg, wuchs auch die Zahl der «A.Vogel Gesundheits-Nachrichte»“-Abonnenten. Da er kein professioneller Verleger war, sondern seinen Patienten und der Öffentlichkeit dienen wollte, sind die Auflagenzahlen der ersten 60 Jahre der «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» nicht genau bekannt. Um diese Dinge hat er sich nie gekümmert. Man mag dies heute beklagen, ändern lässt es sich nicht. 

Sicher ist, dass die «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» immer erfolgreicher wurden – besonders auch nach 1963, nach der Gründung der Bioforce im thurgauischen Roggwil, die in der Schweiz schnell zum Marktführer auf dem Gebiet der Pflanzenheilmittel avancierte und heute in 28 Ländern Tochter- oder Partnerunternehmen hat. 

In den Niederlanden, Finnland und Kanada erscheinen ebenfalls regelmässig Zeitschriften, die – auf dem Gedankengut A.Vogels basierend – Leserinnen und Leser ansprechen, die sich für Naturheilkunde, alternative Therapien und Ernährungsfragen interessieren.

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Erfolgreiche Vergangenheit und eine Herausforderung für die Zukunft 

80 Jahre «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» - das ist eine gewaltige Leistung. Das publizistische Familienunternehmen, das Alfred Vogel jahrzehntelang betreute und mit Kommentaren, Rat und Tat, Reisebeschreibungen und Visionen füllte, hat mit Sicherheit viel dazu beigetragen, der Naturheilkunde den Stellenwert zu geben, den sie heute beansprucht.  

Alfred Vogel hat rechtzeitig dafür gesorgt, dass es mit den «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» weitergehen konnte. Ab 1991 sorgten Journalisten für die Kontinuität in der Edition der Zeitschrift und der A.Vogel-Bücher; 1993 wurde der Verlag A.Vogel AG in Teufen gegründet. 2004, anlässlich ihres 75. Geburtstags, starteten die «A.Vogel Gesundheits-Nachrichten» gleich zweimal durch: Die September-Ausgabe erschien in einem neuen, frischen Layout, und gleichzeitig übernahm Dr. Claudia Rawer per 1. Oktober 2004 bis zum 31. Mai 2016 die Chefredaktion des traditionsreichen Gesundheitsmagazins.

Nach Alfred Vogels Tod 1996 firmiert seine zweite Frau Denise Vogel bis zu ihrem Tod am 30. August 2014 als alleinige Herausgeberin.

Die Nachfolge eines so erfolgreichen und überzeugenden Mannes anzutreten, ist für jede Redaktorin, jeden Redaktor eine besondere Herausforderung. Wir erinnern uns voll Stolz und Achtung an die Vergangenheit, müssen aber auf dieser Basis zukunftsgerichtet weiterdenken. Dabei werden Information, Lebenshilfe und Beratung nach wie vor die Hauptsäulen unserer Arbeit sein. Wir bemühen uns, im Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt eine vernünftige Balance zu finden und im Labyrinth der Fakten und Trends ein informativer und brauchbarer Wegweiser zu sein.  

Die grösste Herausforderung für die Redaktion besteht jetzt und in Zukunft darin, neue Generationen von Leserinnen und Lesern für die Pflanzen- und die Naturheilkunde zu interessieren und ihnen die Bedeutung eines ganzheitlichen therapeutischen Vorgehens bewusst zu machen.

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