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Gefälschte Medikamente

Betrug in der Pillendose

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Weltweit werden in grossen Mengen Medikamente angeboten, die wirkungslos sind, andere Inhaltsstoffe enthalten als das Original oder abgelaufen und neu verpackt worden sind. Das ist nicht nur Betrug, sondern auch ein Gesundheitsrisiko.

Text: Judith Dominguez, 09.15

Medizinischer Fortschritt

Die Gesundheit ist unser höchstes Gut, und kranke Menschen tun fast alles, um geheilt zu werden. Die Einnahme von Medikamenten ist die wichtigste Behandlungsart in der heutigen Medizin. Dank der Entwicklung von wirksamen Mitteln können viele Krankheiten geheilt werden, die früher unweigerlich zum Tode führten. Man denke nur an die Entdeckung des Penizillins und den Einsatz von Antibiotika gegen bakterielle Infektionen heute. Infektionskrankheiten waren die häufigste Todesursache in früheren Zeiten; vor allem die Erreger der Tuberkulose und der Cholera forderten Millionen Todesopfer. Die Kindersterblichkeit war extrem hoch und die Geburt für eine Mutter ein enormes Risiko. Kinder unter fünf Jahren starben oft an durch Infektionen verursachtem Durchfall oder an Lungenentzündung; die Mütter am gefürchteten Kindbettfieber, einer durch Bakterien ausgelösten Blutvergiftung. Medikamente verhindern viel Leid. Sie lindern Schmerzen oder senken den Blutdruck, um schwerwiegenden Folgen vorzubeugen. Insulin ermöglicht Zuckerkranken, ein weitgehend normales Leben zu führen, und nicht selten zerstören Zytostatika bösartige Tumore, sofern sie frühzeitig entdeckt wurden. Dies sind nur wenige Beispiele nützlicher Medikamente, und niemand wünschte sich in die Zeit zurück, als die Menschen bereits in jungen Jahren an heute heilbaren Krankheiten starben.

Medikamente: ein lukratives Geschäft

Diese Errungenschaften unserer modernen chemischen Forschung haben aber auch eine Schattenseite – weil Geld im Spiel ist, viel Geld. Kranke und leidende Menschen sind oft bereit, jeden für sie erschwinglichen Preis für Heilung undLinderung zu bezahlen. Kein Wunder also, dass sich aus den ersten pharmazeutischen Erfolgen ein mächtiger Wirtschaftszweig entwickelt hat. Jährlich werden neue Medikamente auf den Markt geworfen. Diese müssen zwar restriktive Kontrollen bestehen, aber einmal bewilligt, werden sie verordnet und in der Apotheke gekauft. In der Schweiz sind zurzeit fast achttausend rezeptpflichtige Medikamente auf dem Markt, in Deutschland sind es gar drei Mal so viele. Die Wirtschaft funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip: Wer Geld verdienen möchte, investiert in lukrative Märkte, und die Pharmaindustrie gehört nun mal dazu.

Weltweiter Boom

Jedes gewinnbringende Geschäft lockt nicht nur ehrliche Händler an, sondern leider auch Betrüger. Heute gibt es kein einziges Land auf der Welt, das nicht von unzähligen gefälschten Medikamenten überschwemmt wird. Diese von den echten zu unterscheiden, ist alles andere als einfach. Immer häufiger entdecken Zollbeamte Plagiate bei zufälligen Kontrollen. Rechnet man zu den riesigen Mengen an Nachahmungen noch eine geschätzte Anzahl nicht entdeckter Fälschungen, so wird das ganze Ausmass ersichtlich: In die Schweiz werden jährlich schätzungsweise um die 20 000 gefälschte Medikamente importiert, und in den umliegenden europäischen Ländern sieht es ähnlich düster aus. Im Europarat wurde wegen dieser Zunahme an Medikamentenfälschungen der neue Begriff «Medicrime» eingeführt, und es wurden verschiedene Konventionen zur Bekämpfung verabschiedet. Die im Europarat vertretenen Länder verpflichten sich darin unter anderem, das Fälschen von Heilmitteln zu kriminalisieren, damit die Betrüger strafrechtlich verfolgt werden können. Den Fälschern das Handwerk zu legen, ist aber nicht einfach. Sie gehen geschickt vor und suchen immer neue Wege, um ihre lukrativen Geschäfte ohne grosses strafrechtliches Risiko abwickeln zu können.

Fälscher am Werk – vor allem im Internet

Rund die Hälfte aller Fälschungen sind Mittel zur Förderung der Potenz, dreizehn Prozent betreffen Schlaf- und Beruhigungsmittel und zehn Prozent Schlankheitsmittel. Vermutlich werden diese nutzlosen bzw. oftmals gefährlichen Pillen vor allem in Osteuropa und Indien produziert. Allerdings, und das ist beruhigend zu wissen, gehen in europäischen Apotheken nur höchst selten gefälschte Produkte über den Ladentisch. Der illegale Handel findet vorzugsweise im Internet statt. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind über die Hälfte aller Heilmittel, die im Internet zum Kauf angeboten werden, Imitate. In Ländern ausserhalb Europas hingegen werden auch in Apotheken und Arztpraxen Fälschungenverkauft. In Lateinamerika, Südostasien und Afrika sollen um die 30 Prozent aller Medikamente nicht echt sein. Wer durch diese Regionen reist, packt besser eine Notfallapotheke bzw. die benötigten Medikamente in ausreichender Menge ins Gepäck.

Betrug mit Folgen

Die Produktion von gefälschten Medikamenten ist illegal und findet deshalb im Verborgenen statt. Die meisten Fälscher produzieren die Plagiate in Ländern mit geringen Kontrollmöglichkeiten. Sie werkeln in privaten Haushalten, in schmutzigen Hinterhöfen, verwahrlosten Kellern oder Garagen, und entsprechend bedenklich sind die hygienischen Bedingungen. Auch dies kann gefährlich für den Konsumenten sein. Die Fälschungen enthalten häufig überhaupt keinen Wirkstoff, sondern sind aus Backpulver, Zucker, Kreide oder Sägemehl hergestellt. Tropfen, Säfte und andere flüssige Medikamente bestehen aus nichts als gefärbtem Wasser. Teilweise enthalten manipulierte Medikamente tatsächlich den richtigen Wirkstoff, sind aber so gestreckt, dass die Dosis für eine Behandlung oder zur Vorbeugung nicht ausreicht.

Nur als Beispiel: Will eine junge Frau tatsächlich nicht Mutter werden, sollte sie ihre Antibabypille unbedingt aus der Apotheke beziehen. Auch die Welt der Phytotherapie bleibt von Betrugsversuchen nicht verschont: So enthält z.B. ein «natürliches Aphrodisiakum mit chinesischer Kräutermischung» in Wahrheit den Viagra-Wirkstoff Sildenafil; eine andere Substanz wird als rein pflanzliches Mittel zum Abnehmen beworben, enthält aber Sibutramin, einen bedenklichen Wirkstoff, der mittlerweile in der EU nicht mehr zugelassen ist. Andere angeblich «rein pflanzliche» Medikamente oder «Kräutermischungen» sind beispielsweise mit Schwermetallen verunreinigt. Gut also, wenn man seinen Hersteller kennt.

Tödliche Bedrohung

Die Pillen, Dragees, Kapseln oder Tropfen unterscheiden sich äusserlich nicht von den herkömmlichen Produkten. Wirkungslosigkeit ist jedoch nicht die einzige Gefahr, die den Konsumenten droht. Viele dieser Produkte enthalten giftige Lösungsmittel, Klebstoffe oder Lacke, die die Gesundheit ernsthaft gefährden können. In Haiti starben im Jahre 1996 fast 90 Kinder infolge der Einnahme eines Hustensaftes, der das giftige Lösungsmittel Diethylenglycol enthielt. Im Jahr 2006 erkrankten in Panama mindestens 174 Personen an einem vom staatlichen Gesundheitsdienst vertriebenen Hustensaft mit Diethylenglycol – 115 starben daran. Die Gesundheitsbehörden hatten den Saft von einem chinesischen Hersteller erworben. Teilweise enthalten gefälschte Arzneimittel auch hochgiftige Beimischungen wie Arsen. Besonders folgenreich sind gefälschte Impfstoffe. Laut der WHO sterben mehr als 200 000 Menschen jährlich, weil der Impfschutz gegen Meningitis (Hirnhautentzündung) oder Malaria wirkungslos ist.

Gefälschte Malariamedikamente enthalten meist fiebersenkende Stoffe, so dass der Konsument anfänglich glaubt, sie wirkten. Forscher bemängeln, dass in den betroffenen Ländern Prüfbehörden fehlen und Medikamentenfälscher nicht ausreichend verfolgt würden. So gibt es z.B. in Afrika nur in drei von 47 Malaria-Ländern Labore, die für die Analyse von Malaria-Medikamenten ausgestattet sind. Im besten Fall sind die falschen Arzneien zwar unschädlich, aber wirkungslos. Aber auch dies kann gefährliche Folgen haben, denn die Krankheit wird dadurch nicht behandelt. Zum Beispiel kann bei anhaltend hohem Blutdruck eine Hirnblutung eintreten. Verabreicht sich ein Diabetiker wirkungsloses Insulin, bleibt der Blutzucker permanent hoch, so dass der Betroffene mit allen Folgen eines nicht behandelten Diabetes zu rechnen hat.

Kontrolle in Risikoländern

Backpulver oder Sägemehl sind leicht von tatsächlichen pharmazeutischen Inhaltsstoffen zu unterscheiden, vorausgesetzt, man verfügt über die entsprechenden Apparaturen. Mit Hilfe eines Analyseverfahrens, der Dünnschichtchromatografie, lassen sich einzelne Inhaltsstoffe mit genauer Mengenangabe aufschlüsseln. Doch das ist in einer Apotheke nicht so einfach möglich. Die internationalen Gesundheitsorganisationen nutzen deshalb ein speziell entwickeltes Test-Set, um Arzneistoffe in Hochrisikoländern besser prüfen zu können. Falsche Inhaltsstoffe oder echte in zu kleinen Mengen lassen sich damit eindeutig identifizieren. Manche Fälscher sammeln abgelaufene Medikamente und verpacken diese neu. Der Wirkstoff ist dann bei der Kontrolle immer noch nachweisbar. Nur sind zum Beispiel verfallene Antibiotika wirkungsarm und fördern die gefährlichen Resistenzen. Auch in anderen Fällen können falsch dosierte Medikamente dazu führen, dass die Krankheitserreger unempfindlich gegenüber dem Wirkstoff werden.

Nicht drin, was draufsteht

Nicht nur Inhaltsstoffe werden gefälscht, sondern auch die Verpackungen. Die Betrügerbanden perfektionieren diese laufend, denn sowohl Zöllner als auch Apotheker erkennen die Fälschungen leicht an sichtbaren Abweichungen. Die kriminellen Fälscher benutzen inzwischen perfekte Druckvorlagen. Der grosse Skandal dabei: Vermutlich stammen diese von Insidern aus der Pharmaindustrie. Der Schwarzmarkt verfügt über identische Hologramme, Sicherheitsmarker, Codes, Chargennummern und Farben. Offensichtlich sind dort echte, nagelneue Druckdateien im Umlauf. Die Vorlagen für die Herstellung von Medikamentenverpackungen sind eigentlich nur bestimmten autorisierten Firmen zugänglich. Da sie aber ganz offensichtlich auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden, muss man von Datenklau im grossen Stil ausgehen. Nun arbeiten die Pharmafirmen und ihre Druckereien daran, fälschungssichere Verpackungen zu produzieren; zum Beispiel solche, die mit einem sicheren Siegel versehen sind oder eine dreidimensionale, variable Prägung haben. Für die Patientensicherheit ist es notwendig, dass die Verpackungen von Medikamenten genauso wenig kopiert werden können wie Banknoten. Mit Hilfe solcher Systeme soll es ermöglicht werden, dass jeder Apotheker die kopiersicheren Zeichen mit einer zentralen Datenbank abgleichen und dadurch Fälschungen eindeutig identifizieren kann.

Bild: dreamstime/tmcphotos

Kampf gegen die Fälscher

Die Weltgesundheitsorganisation ist jedenfalls in Alarmbereitschaft, und sie ruft weltweit zu mehr Kontrollen auf. Die Länder werden verpflichtet, Fälschungen aufzuspüren und die Betrüger mit aller gesetzlichen Härte zu verfolgen. Doch die meisten manipulierten Medikamente werden im Internet vertrieben, wo Kontrollen schwierig sind. Neben den Anstrengungen der Medikamentenhersteller und der öffentlichen Kontrollbehörden können wir als Konsumenten ebenfalls einen Beitrag leisten. Sehen wir von einem Interneteinkauf ab, es sei denn von seriösen und offiziell zugelassenen Internetvertreibern, wird der Schwarzmarkt geschwächt und weniger attraktiv. Ausserdem können wir die Behörden informieren, sollte uns beim Kauf von Medikamenten etwas Merkwürdiges auffallen. Nicht alle Fälscher sind nämlich richtige Profis. Bei der Bestellung im Internet kann schon mal ein Produkt statt in einer offiziellen
Blisterpackung in einem Papiersäcklein geliefert werden oder der Beipackzettel fehlt. Dies sind deutliche Zeichen dafür, dass mit dem Medikament etwas nicht stimmen kann.

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