In Minutenschnelle kann er zum Tod führen oder schwerste Behinderungen verursachen: der Schlaganfall. Obwohl er in den wenigsten Fällen aus heiterem Himmel eintritt, sondern vielfach erst nach erkannbaren und warnenden Anzeichen, stirbt fast jeder Dritte hierzulande an den Folgen eines verstopften oder geplatzten Blutgefässes im Kopf.
Autorin: Angelika Eder/IZR/Silke Lorenz
Bei einem Schlaganfall gilt: Zeit ist Gehirn. Dementsprechend wichtig ist es für Angehörige, die Symptome schnell zu erkennen, um angemessen reagieren zu können. Für den Behandlungserfolg ist ausschlaggebend, dass der Patient schnellstmöglich in eine Klinik gelangt.
Kopfschmerz – eines oder mehrere dieser Anzeichen treten in den meisten Fällen auf. Dann gilt es: Ruhe bewahren und sofort den Rettungsdienst unter der Telefonnummer 144 (CH)/112 (EU) alarmieren! Der Betroffene sollte sich bis zum Eintreffen der Ambulanz hinlegen und keine Medikamente einnehmen. Es müssen nicht alle fünf Symptome auf einmal oder zur gleichen Zeit auftreten. Vielmehr sollten Angehörige und Betroffene auch ein oder zwei der genannten Beschwerden ernstnehmen und im Zweifelsfall immer den Notruf verständigen.
Auf diese fünf Schlaganfall-Symptome sollten Sie besonders achten:

Neben Herzerkrankungen und Krebs gehört der Schlaganfall damit zu den häufigsten Todesursachen und wird dennoch von nur zehn Prozent der Bevölkerung als persönliche Bedrohung empfunden. In ihrem Bewusstsein sind Krebs oder HIV sehr viel stärker vertreten, ausserdem erliegt sie in weiten Teilen dem Irrtum, der «Schlag» drohe ausschliesslich alten Menschen.
Folglich werden die Erstsymptome nicht nur von Laien, sondern auch von manchen Hausärzten bagatellisiert oder übergangen, so dass nur wenige Betroffene innerhalb der für den Behandlungserfolg wichtigen Frist von drei Stunden in einer Klinik eintreffen. Innerhalb dieses Zeitraumes lassen sich neurologische Ausfälle oft minimieren: Für die Therapie von Schlaganfällen gilt «Time is brain», d.h. je schneller die Patienten ins Krankenhaus kommen, desto mehr Hirnzellen können gerettet werden. Patienten, die später behandelt werden, müssen z.T. mit schweren oder schwersten Behinderungen leben - sofern sie den Schlaganfall überhaupt überstehen: Jeder Fünfte stirbt unmittelbar daran.

Ähnlich wie ein Herzinfarkt ist ein Schlaganfall ein Notfall, bei dem der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielt. Nur innerhalb der ersten sechs Stunden nach dem Ereignis ist eine erfolgversprechende Akuttherapie möglich. Bei rechtzeitiger Behandlung lassen sich Spätfolgen drastisch verringern. Darum ist es so wichtig, dass die Warnsignale und die akuten Anzeichen für einen Schlaganfall bekannt sind. Nur dann ist es möglich, einen Schlaganfall schnell zu erkennen. Obwohl der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache ist, wissen rund 60 Prozent der Bürger kaum etwas über die Risikofaktoren und die Frühwarnsymptome.
Die Warnzeichen einer Transitorischen Ischämischen Attacke (TIA), d.h. einer vorübergehenden mangelnden Blutversorgung, im Volksmund auch «Schlägli» genannt, können schon nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Deshalb deuten viele sie fälschlicherweise als einen kurzfristigen Schwächeanfall. Tatsächlich müssen Sie sich jedoch umgehend zum Arzt oder direkt ins Krankenhaus begeben, wenn Sie im Folgenden genannten Symptome auch nur für wenige Augenblicke an sich feststellen. Die Schlaganfallsymptome sind ähnlich wie die TIA-Signale, dauern allerdings an und erreichen eine höhere Intensität. Noch vor wenigen Jahren standen Patienten und Ärzte den lebensgefährlichen Durchblutungsstörungen im Gehirn ziemlich machtlos gegenüber. Weil man ohnehin nicht viel tun konnte, war auch keine besondere Eile geboten. Das hat sich radikal geändert. Eine schnelle Behandlung ist heute oberstes Gebot.
Wer sich schützen will, sollte die Risikofaktoren kennen (und meiden) und vor allem einer Arterienverkalkung vorbeugen, denn sie ist der häufigste Grund für das Verstopfen oder Platzen eines Blutgefässes. Dessen glatte Innenschicht, Endothel genannt, soll für den ungehemmten Blutfluss sorgen, wird jedoch mit zunehmendem Alter durch aggressive Substanzen geschädigt. In der Folge lagern sich Fette und Kalk in der Arterienwand ein, die dadurch ihre Elastizität verliert und brüchig wird. Verletzungen und Blutgerinnsel können die Folge sein. Die Schäden einer fortgeschrittenen Arteriosklerose sind nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht zu beheben. Deshalb müssen alle Faktoren vermieden werden, die sie fördern und damit letztlich zu einem Schlaganfall führen können.
Das Risiko für Schlaganfall ist höher bei Menschen mit einer familiären Schlaganfallgeschichte. Forscher haben in wissenschaftlichen Studien drei Gene entdeckt, die wahrscheinlich die Höhe des Schlaganfall-Risikos beeinflussen. Das unterstützt die Theorie, dass auch die Vererbung eine Rolle spielt. In einem solchen Falle muss erst recht konsequent auf die Vermeidung von Risikofaktoren geachtet werden.

Schon eine leichte Erhöhung der roten Blutkörperchen macht das Blut dicker und erhöht die Gefahr der Klümpchenbildung. Wenn sich ein Gerinnsel löst, erhöht sich das Risiko einer Embolie, die einen Schlaganfall oder Herzinfarkt verursachen kann. Die Fettsäure Homozystein (ein Zwischenprodukt des Stoffwechsels) unterstützt das Cholesterin bei der Bildung von Gefässablagerungen. In mehreren Studien wurde ein deutlicher Zusammenhang zwischen erhöhten Homozysteinwerten und Schlaganfällen nachgewiesen. Die beste Gegenmassnahme sind die Vitamine der B-Gruppe B6, B12 und Folsäure. Diese Vitamine sind vor allem in grünem Gemüse, Milch und Vollkornprodukten enthalten. Erwiesen ist auch, dass sich Schlaganfälle in Zeiten extremer Hitze oder bei Temperaturwechsel häufen.
Bei ständigem Bluthochdruck reicht auch das noch so konsequente Einhalten der genannten Verhaltsregeln nicht aus. Oft müssen zur Dauertherapie Medikamente genommen werden, die nicht als Belastung, sondern als wichtiges Hilfsmittel zur Senkung des Risikos zu betrachten sind. Während der Einstellungsphase ist Geduld gefordert und die Bereitschaft, auch einmal hinzunehmen, dass es einem anfänglich vielleicht sogar schlechter geht als vorher. Selbst wenn es zu Unwohlsein kommt, dürfen die Mittel in keinem Fall ohne Absprache mit dem Arzt abgesetzt werden.
Stellen Sie – falls erforderlich – Ihre Ernährung um: Essen Sie möglichst salzarm, regelmässig Fisch sowie viel frisches Obst und Gemüse. Ersetzen Sie tierische Fette durch pflanzliche und sorgen Sie für eine angemessenes Verhältnis von Fett (etwa 30 Prozent), Eiweiss (ungefähr 15 Prozent) und Kohlenhydraten (etwa 55 Prozent). Doch Achtung: Mit dem häufig postulierten Motto «Wenig Fett und viel Obst» allein ist es nicht getan! Darüber hinaus sollten Sie viel trinken und auf eine ballaststoffreiche Ernährung achten, denn Ballaststoffe können den Blutfettspiegel senken. Dunkle Brotsorten, Naturreis, Vollkornteigwaren sind zu bevorzugen. Die mediterrane Diät bietet hier die besten Möglichkeiten.
Reduzieren Sie zudem nach Möglichkeit Ihren Stress und Ihren Bewegungsmangel. Um einen Schlaganfall zu vermeiden, ist ausreichende körperliche Bewegung eine Grundbedingung. In einer grossen Untersuchung an über 20 000 Ärzten in den USA (Physician's Health Study) konnte nachgewiesen werden, dass eine schweisstreibende körperliche Übung einmal in der Woche das Schlaganfall-Risiko bereits um 21 Prozent senkt. Ein regelmässiges Training ist deshalb eine geeignete Vorsorgemassnahme, um den Schlaganfall zu vermeiden, aber auch das Körpergewicht konstant zu halten.

Bei einer Schlaganfall-Station handelt es sich um eine spezielle Einrichtung, die im medizinischen Standard einer Intensiv-Station entspricht. Zielsetzung ist, die Patienten mit einem akuten Schlaganfall so schnell wie möglich stationär aufzunehmen, um in einer fachübergreifenden Zusammenarbeit von Neurologen, Internisten, Kardiologen und Neuroradiologen die Ursache des Schlaganfalls zu erkennen und die entsprechende Therapie zu praktizieren. Am besten sind derzeit in Deutschland etwa 80 Spezialeinrichtungen an grösseren Kliniken – «Stroke Units» genannt – für die Sofortversorgung von Schlaganfall-Patienten geeignet. Auch in der Schweiz stehen zunehmend Spezialabteilungen zur Verfügung.
Mittels einer Computertomographie wird überprüft, ob es sich um eine Blutung oder einen Gefässverschluss handelt. Darüber hinaus sind Ultraschalluntersuchungen erforderlich, mit deren Hilfe sich mögliche Blutgerinnsel im Herzen bzw. Engstellen in den Gehirn-Gefässen erkennen lassen. In einigen Fällen ist eine Angiographie erforderlich: Dieses spezielle Röntgenverfahren mit Kontrastmittel gibt genauestens Aufschluss über Gefäss-Fehlbildungen oder Blutungsquellen. Ein Elektrokardiogramm liefert Informationen darüber, ob der Schlaganfall durch eine Herzrhythmusstörung verursacht sein könnte. Und natürlich müssen neurologische Ausfälle, Blutdruck, Blutzucker, erhöhte Blutfettwerte und andere Werte ermittelt werden.
Mit Medikamenten lassen sich innerhalb der ersten drei Stunden Blutgerinnsel in der Hauptschlagader in Hals oder Gehirn auflösen und damit möglicherweise grössere neurologische Schäden verhindern. Aber selbst wenn es dazu gekommen ist, gibt es für viele Betroffenen Hoffnung, denn das Gehirn verfügt über die Fähigkeit, verloren gegangene Funktionen mit den verbliebenen Restfunktionen zu ersetzen. An die Untersuchungen und Behandlungen im Spital sollten sich so schnell wie möglich auch geeignete Rehabilitationsmassnahmen anschliessen.
Krankengymnastik, Sprach- und Ergotherapie verordnen die Ärzte meist schon im Krankenhaus, und in der Regel wird der Patient anschliessend in ein Reha-Zentrum überwiesen.
Wer nach einem überstandenen Schlaganfall den Gedanken- und Informationsaustausch mit anderen Betroffenen sucht, sollte sich einer Selbsthilfegruppe anschliessen. Informationen dazu gibt es u.a. hier bei der Schweizerischen Herzstiftung.
Der erste Schlaganfall mag in manchen Fällen glimpflich ausgehen. Doch die Suche nach der genauen Ursache ist absolut notwendig, um das Risiko für einen weiteren Schlag optimal zu verringern.
In der Schweiz erleiden jährlich rund 10 000 Menschen einen Schlaganfall. In der Regel sind sie über 60 Jahre alt. «Bei rund 20 Prozent in der Schweiz ist es bereits der zweite Schlag, das heisst, jeder fünfte Schlaganfall ist ein Rezidiv. Das ist immer besonders schade, weil wir uns natürlich sagen: Das hätte man vielleicht verhindern können», erklärt Prof. David Seiffge, stellvertretender Leiter Stroke Unit und Stroke Center an der Universitätsklinik für Neurologie des Inselspitals Bern.
«Gerade der zweite Schlag ereignet sich häufig in den ersten Tagen und Wochen nach dem ersten Schlag. Deshalb überwachen wir alle Patienten in der Regel einige Tage auf unserer Stroke Unit, um dieses frühe Risiko so gut als möglich zu senken oder allenfalls direkt vor Ort zu sein, wenn etwas passiert. Bei schweren Verengungen der Halsschlagadern zum Beispiel kommt es häufig beim ersten Schlaganfall nur zu geringen Symptomen, die meist auch nach kurzer Zeit von alleine weggehen, wie eine Sprachstörung, eine Lähmung der Hand oder eine Sehstörung für ein bis zwei Stunden. Das nennen wir eine Streifung. Manche Patienten gehen damit nicht direkt zum Arzt, weil es nicht so schlimm scheint. Dies ist aber eine Hochrisikosituation. Unbehandelt folgt häufig in den nächsten Tagen ein schwerer Schlaganfall mit dann leider oft bleibender Behinderung. Ähnlich ist dies für Patienten mit einem Vorhofflimmern als Ursache des Schlaganfalls», so die Erfahrung von Prof. Seiffge. Das Risiko für einen zweiten Schlaganfall hängt also entscheidend von der genauen Ursache des ersten ab. Insgesamt liegt das Risiko in den ersten drei Monaten bei rund 5 Prozent, anschliessend nimmt es leicht ab. Mit einer gezielten Behandlung zur Vorbeugung lässt sich das Risiko je nach Ursache um bis zu zwei Drittel senken, so Prof. Seiffge.

Der entscheidende Faktor ist die Art der Schlaganfallursache. Zu diesem Fazit kamen auch Forscher der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Würzburg in einer Langzeitstudie mit Daten über einen Zeitraum von 20 Jahren. Fast jeder zweite Patient stirbt demnach innerhalb von fünf Jahren nach dem ersten Schlaganfall. Jeder fünfte erleidet einen erneuten Schlaganfall innerhalb von fünf Jahren. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben, mit 49,6 Prozent bei Frauen etwas höher als bei Männern mit 41,8 Prozent.
Das Langzeitüberleben und die Wiederholungsrate unterscheiden sich jedoch erheblich je nach Ursache des ersten Schlaganfalls: So haben Patienten, deren Schlaganfall durch den Verschluss kleiner Arterien ausgelöst wurde, die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit nach fünf Jahren. Dagegen liegt diese Rate bei Patienten mit einem sogenannten kardio-embolischen Schlaganfall, der unter anderem durch Vorhofflimmern verursacht werden kann, am niedrigsten. Die Gefahr, innerhalb von fünf Jahren einen erneuten Schlaganfall zu erleiden, war bei Verengungen der kleinen Hirngefässe (Mikroangiopathie) und bei Ablagerungen der grossen hirnversorgenden Gefässe (Makroangiopathie) besonders gering. Auch am Universitätsspital Basel wird geforscht. Grosses Ziel von Prof. Mira Katan Kahles ist es, anhand eines einfachen Bluttropfens die Ursache des Schlaganfalls zu erkennen und die Therapie dementsprechend anzupassen. Dazu laufen derzeit noch Studien, die Ergebnisse werden in den nächsten Jahren erwartet.
Die Zahlen zeigen, dass sich die Überlebenswahrscheinlichkeit nach einem ischämischen Schlaganfall (ausgelöst durch eine Minderdurchblutung des Gehirns) deutlich verbessert hat. Enorme Fortschritte in der Forschung der letzten 15 Jahre bestätigt auch Prof. Seiffge. «Dank modernster Möglichkeiten in der Diagnostik werden wir immer besser, die exakte Ursache des Hirnschlags abzuklären und auch schwierig zu findende Herzrhythmusstörungen ausfindig zu machen. So können wir gezielt die Ursache behandeln und einem zweiten Schlaganfall vorbeugen.
Auch sind die Medikamente und Behandlungsoptionen wie zum Beispiel Stenting oder Operationen noch besser und sicherer geworden. Dadurch wird die Behandlung aber mittlerweile so komplex, dass es meistens Spezialisten braucht, um die Diagnostik und Therapie gezielt zu steuern. Zu meiner Studentenzeit gab es genau zwei Medikamente, nämlich Aspirin und Marcoumar. Mittlerweile haben wir sieben neue Medikamente mit weniger Nebenwirkungen und gezielterem Wirkmechanismus, die wir einsetzen», erklärt der Facharzt. Der Prozess der Entwicklung einer neuen Therapie sei lang und müsse mehrere vorklinische und klinische Stufen durchlaufen, bevor es eine Standardtherapie werde. Die Neurologie am Inselspital, Universitätsspital Bern, nimmt in der klinischen Schlaganfallforschung international eine herausgehobene Stellung ein. Neben diversen Studien leitet die Abteilung selbst mehrere grosse, internationale, akademische (von der Industrie unabhängige) Studien.
