Wenn ein Thrombus den Blutfluss behindert, kann das gefährlich werden. Mehr zu Ursachen, Risikofaktoren und Behandlungsmöglichkeiten am Beispiel der Beinvenenthrombose.
Text: Andrea Pauli
Verletzen wir uns, lässt unser Körper das Blut gerinnen, damit die Wunde sich verschliessen kann – eine gute Sache. Verklumpt das Blut jedoch aus anderen Gründen, ist Vorsicht geboten. Ein Blutpropf (Thrombus) kann in den Arterien und in den Venen vorkommen, mit unterschiedlichen Folgen. Am häufigsten bilden sich Thromben in den Venen der Beine. Sogenannte tiefe Beinvenenthrombosen (TVT) zählen mit 60 Prozent zu den häufigsten Thromboseformen, gefolgt von Beckenvenenthrombosen mit 30 Prozent.

Wie aus heiterem Himmel schmerzt das Bein, krampfartig oder ziehend. Es wirkt plötzlich prall und schwer, das Auftreten ist unangenehm. Wer das spürt, sollte alarmiert sein. In solchen Fällen sprechen Mediziner von sogenannten Leitsymptomen einer tiefen Beinvenenthrombose. Tief, weil die betroffene Vene nicht direkt unter der Haut liegt, sondern tief eingebettet in der Muskulatur. In der Regel treten die Beschwerden nur in einem Bein auf. Thrombosen entstehen selten beidseitig.
Welche Symptome sich im Bein an welcher Stelle zeigen, hängt von der Lage der betroffenen Vene ab: Befindet sich die verschlossene Vene unterhalb des Knies, ist häufig nur der Unterschenkel betroffen. Bei einer Thrombose oberhalb des Knies kann man Beschwerden auch im Oberschenkel und Becken verspüren. Es gibt allerdings auch sogenannte «stumm» ablaufende Thrombosen, bei denen nur geringe oder gar keine Symptome auftreten; sie sind jedoch eher selten. Wer Thrombose-Anzeichen bei sich bemerkt, vielleicht auch eine ungewöhnliche Luftnot verspürt, sollte unbedingt den Arzt aufsuchen.
Der Gefässverschluss durch ein Blutgerinnsel kann Folgen haben – auch darum ist rasches Handeln wichtig. Häufigste Folge einer tiefen Beinvenenthrombose ist das postthrombotische Syndrom (PTS). Es entsteht, kurz gesagt, wenn das Gerinnsel die Wände oder Klappen der Vene beschädigt. Die Folge zeigt sich über einen längeren Zeitraum. Blut staut sich im Bein, es schwillt an, Juckreiz und Hautveränderungen können auftreten, und es kann zu einem offenen Bein kommen. Eine riskante Frühkomplikation ist die Lungenembolie. Sie entsteht, wenn sich das Gerinnsel von der Gefässwand des Beins löst und in die Lungenarterie gespült wird – das Blut staut sich zwischen Lunge und Herz. Das kann lebensbedrohlich werden. Darum: Wer in Verbindung mit einer Thrombose plötzliche Atemnot verspürt, Herzrasen, Schwindel, Brustschmerzen beim Einatmen und Husten sowie Panik empfindet, sollte umgehend den Notruf wählen.

Die Symptome einer Thrombose sind leider nicht immer eindeutig. Darum ist eine gründliche ärztliche Befragung und eine Untersuchung des betroffenen Beins wichtig, am besten durch einen Gefässmediziner. In der Regel ermittelt die Ärztin anhand eines Fragebogens (sogenannter Wells-Score), wie wahrscheinlich eine tiefe Beinvenenthrombose ist. Zur Untersuchung der Beine selbst werden bildgebende Verfahren genutzt:
– Bei der Venenverschluss-Plethysmographie kommt eine Druckmanschette zum Einsatz. Mithilfe von Messdehnungsstreifen kann anschliessend der Umfang der Beine gemessen werden.
– Bei einem Kompressionsultraschall wird die Vene unter Druck mit dem Ultraschallkopf vollständig zusammengedrückt. «Wenn das gelingt, weiss man sicher, dass sich kein Thrombusmaterial in der Vene befindet», erklärt Gefässchirurgin Dr. Kerstin Schick.
– Hinweise auf eine Thrombose kann auch eine Blutuntersuchung liefern. «Liegt ein Gerinnsel vor, wird dieses durch ‹Fibrinspaltung› abgebaut. Die Zerfallsprodukte, die dabei entstehen, sind Eiweisse (D-Dimere), und die kann man messen», so Dr. Schick.
– Weitere Diagnosemöglichkeiten sind die Phlebographie (Untersuchung mittels Röntgenstrahlung) und die Magnetresonanztomographie (MR-Phlebographie).
Als die drei Hauptgründe für das Entstehen einer Thrombose gelten:
Eine Beinvenenthrombose muss umgehend behandelt werden, sobald sie diagnostiziert wurde. Die Standardtherapie fusst dabei auf zwei Säulen:
Eine chirurgische Entfernung von Gerinnseln aus einer Beinvene wird (nur noch) in Ausnahmefällen durchgeführt. «Bei einer Thrombose in der Beckenvene gilt eine minimalinvasive Operation mittels Katheter als mögliche Option», ergänzt Dr. Schick.
Häufig wird gleich bei der Diagnosestellung Heparin gespritzt. «Im Anschluss an diese erste Spritze geht man dann häufig zur Einnahme von Tabletten über, die die Blutgerinnung unterdrücken», so Dr. Schick. Dabei können verschiedene Substanzen eingesetzt werden, deren Wirkung mehr oder minder schnell eintritt. In Einzelfällen (z.B. bei Krebserkrankungen) kann es auch vorkommen, dass während des gesamten Zeitraums der Thrombosebehandlung Heparinspritzen zum Einsatz kommen.

Unbeliebt, aber immens wirksam: An der Kompression «führt kein Weg vorbei», betont Dr. Schick. Denn ohne die Kompressionstherapie lässt sich bei einer tiefen Beinvenenthrombose kein nachhaltiger Behandlungserfolg erzielen. Nicht zuletzt auch mit Blick auf ein postthrombotisches Syndrom. «Patienten, die die Kompressionstherapie konsequent durchgezogen haben, mussten weniger bzw. weniger schwere PTS-Erkrankungen durchlaufen», weiss die Ärztin aus klinischer Erfahrung. Kompressionsstrümpfe üben Druck auf das Bein und die Venen aus. Damit unterstützen sie die Gefässe und die Venenklappen, was wiederum den Bluttransport zurück zum Herzen erleichtert. Was man gerne mal übersieht: «Kompression ist ein sehr natürlicher Weg und eine gute physikalische Unterstützung, um das Bein zu entlasten», so die Fachärztin. Ihr Rat an Betroffene lautet darum: «Integrieren Sie die Kompressionsstrümpfe in Ihr Leben. Überlegen Sie nicht, wann Sie die Dinger endlich wieder loswerden, sondern akzeptieren Sie die Strümpfe als Teil Ihrer täglichen Kleidung.»
Die Kompressionsklasse beschreibt übrigens die Stärke des Drucks:

Nicht jeder kommt mit dem Kompressionsstrumpf zurecht, der zugegebenermassen nicht einfach anzulegen ist. Eine Variante stellen medizinisch adaptive Kompressionssysteme (MAK) dar, die per Klettverschluss angelegt werden und variabel sind. Die Benutzung lässt sich leicht erlernen. «Ich bin ein grosser Fan davon, weil sie die Menschen wieder in die Selbstständigkeit bringen. So braucht man vielleicht keinen Pflegedienst, der kommt und einem die Strümpfe anzieht. Man kann die Kompressionsklasse selbst variieren, das geht sehr einfach. MAK sind eine gute Möglichkeit, darauf zu reagieren, dass das thrombotische Bein sehr viele Veränderungen durchläuft», sagt Gefässchirurgin Dr. Kerstin Schick.

In der Naturheilkunde setzt man als begleitende Behandlung auch gerne auf Wickel. Quarkwickel etwa sind ein überliefertes Hausmittel bei Venenentzündungen und sollen entzündungshemmend wirken. «Was dabei zum Tragen kommt, ist der kühlende Effekt », so Dr. Schick. «Das thrombotische Bein ist ja gestaunt und mit venösem Blut gefüllt, d.h., es wird heiss und dick. Da tun kühlende Massnahmen gut; genauso wie die leichte Kompression von aussen durch den Wickel.»
Anwendung: Bio-Magerquark fingerdick direkt auf die Haut auftragen, ein dünnes Baumwolltuch auflegen und fest darumschlagen und das Bein hochlegen. Man kann das Bein samt Quark-Kompresse zusätzlich mit einer elastischen Binde straff umwickeln. Wenn die kühlende Wirkung nachlässt, Kompresse abnehmen und Bein abwaschen. Alternativ kann man auch Wickel mit Heilerde (Produkt zur äusserlichen Anwendung) machen. Die Heilerde wird mit kaltem Wasser angerührt und sollte sich gut verteilen lassen, ohne zu tropfen. Dann vorgehen wie beim Quarkwickel. Wenn der Lehm trocken ist, die Kompresse behutsam abnehmen und die krümeligen Reste abwaschen.
Naturheilpraktiker empfehlen gerne auch Enzyme gegen Verschlüsse der Blutgefässe, z. B. Bromelain (aus dem Fruchtstiel der reifen Ananas), Chymotrypsin (aus der Rinder-Bauchspeicheldrüse) oder Papain (aus dem Milchsaft unreifer Früchte von Carica papaya). «Ich kann mir vorstellen, dass es eine positive Wirkung hat», sagt Dr. Kerstin Schick – wenn man sich frage, wo eine Enzymtherapie ansetze. «Eventuell wird die Gesamtentzündung des Gewebes etwas reduziert. Ob nun das Enzym den Abbauprozess der Thrombose unterstützt, ist eine gute Frage.»
Vorausgesetzt, Sie leiden nicht unter einer Herzkrankheit, können Sie die betroffene Extremität hochlagern. Das lindert die Beschwerden – ist aber nur als Soforthilfemassnahme gedacht. Wer erste Anzeichen für eine Thrombose im Bein spürt, sollte umgehend zum Arzt gehen.

Frauen sind in verschiedenen Phasen ihres Lebens besonders thrombosegefährdet. Dr. Kerstin Schick, Fachärztin für Gefässchirurgie und Phlebologie, gibt Tipps:
«Die schwangere Frau hat grundsätzlich ein erhöhtes Thrombose-Risiko in diesen ganzen neun Monaten, aber auch besonders rund um den Geburtstermin und dann natürlich im Wochenbett. Eine wichtige Frage ist, wie die Entbindung stattgefunden hat – ein Kaiserschnitt erhöht das Thromboserisiko! Aber auch die natürliche Entbindung, da der Körper auf eine Blutung immer mit einer stärkeren Gerinnung reagiert. Frauen, die mit einem erhöhten Thromboserisiko (familiäre Anlagen, Gerinnungsstörungen) in diese Zeit hineingehen, müssen individuell ganz besonders gut betreut werden während der Schwangerschaft. Jeder unklare Beinschmerz muss unbedingt ärztlich abgeklärt werden!»
«Bei Teenagern bzw. jungen Frauen kann die Einnahme der Antibabypille das Thrombose- Risiko deutlichen erhöhen. Darum sollte die Frauenärztin darauf achten, welche Pille sie verordnet, denn nicht bei jeder ist das Risiko gleichwertig hoch besetzt. Vorab sollte geklärt werden, ob es Thrombosen in der Familie gibt, ob bei der jungen Frau schon mal eine Thrombose vorlag oder ob eine Gerinnungsstörung bekannt ist. Im Zweifelsfall ist es ratsam, ein Gestagen-Präparat zu verordnen. Kommt es zu einer Thrombose, ist die zeitnahe Therapie mit Blutverdünnern essenziell. Die Pille kann dann bis zum Ende der Therapiephase (3–6 Monate) weiter genommen werden, um den vollen Verhütungsschutz zu erhalten. Danach sollte man sich zur künftigen Verhütung beraten lassen. Zu verzeichnen ist, dass sich viele junge Frauen zunehmend mit alternativen Verhütungsmethoden auseinandersetzen und lieber ohne Hormone durchs Leben gehen.»
«In puncto Hormonersatztherapie divergieren die Meinungen sehr stark. Unbestritten ist aber, dass Östrogen im Hinblick auf die Thrombosegefahr das ‹böse› Hormon ist und das Risiko steigert. Man sollte folglich lieber das Gestagen in den Vordergrund stellen, wenn man sich für eine Hormonersatztherapie entscheidet. Eine individuelle Abklärung ist auch in den Wechseljahren wichtig: Welche Vorgeschichte gibt es, hat die Frau schon Thrombosen erlebt, wie sieht es familiär aus, liegen Gerinnungsstörungen vor?»
Männer haben, insgesamt gesehen, statistisch mehr Thrombosen als Frauen. Man weiss bislang nicht, warum das so ist. Allerdings durchleben sie nie die speziellen Risikozeiten, die Frauen haben. Männer respektive deren Hausärzte sollten bei Beinvenenthrombosen hellhörig sein, denn diese zeigen sich womöglich als «Vorbote» von Krebserkrankungen, z.B. Prostatakrebs. Grund: Krebserkrankungen können zu einer Veränderung in der Blutzusammensetzung führen.
Ältere Menschen haben jedoch automatisch leicht höhere Thrombosewerte im Blut. Das sollte man berücksichtigen, um die individuellen Werte als normal oder abnormal einschätzen zu können.