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Kinder verwöhnen im Alltag?

Sieben Denkanstösse von Experten



Das Nachdenken über die folgenden Fragen kann dazu beitragen, ein verwöhnendes Verhalten bewusst zu machen und angemessen zu reagieren. A.Vogel hat dafür zwei Profis befragt:


  • Lic. phil. Marlis Eeg-Blöchliger ist Kinder- und Jugendpsychologin FSP. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren in Gossau beim Schulpsychologischen Dienst des Kantons St. Gallen mit Kindern und Jugendlichen von Kindergarten bis Oberstufe.

  • Prof. Dr. phil. Jürg Frick ist Psychologe FSP und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er war viele Jahre als Lehrer auf verschiedenen Schulstufen tätig und führt Elternkurse zum Thema Verwöhnung durch. Er ist Autor des Buches «Die Droge Verwöhnung. Beispiele, Folgen, Alternativen» (Verlag Hans Huber 2011, ISBN 978-3- 456-84878-5).www.juergfrick.ch
 

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Ist der Ton ihres Kindes regelmässig fordernd oder schnippisch?


«Verwöhnsymptome» zeigen sich im Familienalltag allerdings schon viel früher: Beispielsweise wenn Kinder auf ihre Eltern losgehen und sie beschimpfen, weil Wünsche nicht sofort erfüllt werden. Die Psychologin Marlis Eeg-Blöchliger hat die Erfahrung gemacht, dass in solchen Fällen nur eines hilft: «Ruhig bleiben, freundlich und bestimmt nein sagen. Freche Bemerkungen ignorieren. In jedem Fall bei den eigenen Forderungen bleiben und sich auf keine Diskussionen einlassen.»

Hilfreich sei auch zu wissen, dass das Verhalten verwöhnter Kinder nicht «böswillig» sei. Es handle sich um jahrelang eintrainierte, unbewusste Muster, die in der Vergangenheit erfolgreich gewesen seien. Deshalb müsse man stets das Fernziel im Auge behalten: das Verhalten des verwöhnten Kindes oder Jugendlichen zu verändern. Idealerweise ohne kontraproduktive Aussagen im Stil von «Du bist eine verwöhnte Göre!»

Laut Jürg Frick ist es zudem wichtig, dass Eltern keine Schuldgefühle bekommen, wenn sie feststellen, dass sie ihr Kind verwöhnt haben: «Alle machen in der Erziehung Fehler. Wesentlich ist, dass wir aus unseren Fehlern lernen.»

«Lass mal, ich mache das schnell für Dich.» Wie oft sagen Sie diesen Satz?


Marlis Eeg-Blöchliger: Eltern sollten dem Kind keine Dinge abnehmen, die es selbst tun kann und soll! Räumt das Kind beispielsweise nicht auf, können Väter und Mütter das Kind in aller Ruhe darauf aufmerksam machen, dass es für sein Zimmer selbst verantwortlich ist und dass alles, was auf dem Boden liegt, im Kehricht oder im Staubsauger landet.


Halten Sie Klettergeräte, hohe Bäume, Strassen usw. prinzipiell zu gefährlich für Ihr Kind?


Jürg Frick: Erwachsene sollten Kindern beibringen, Gefahren realistisch einzuschätzen und ihnen ein angemessenes Zutrauen vermitteln, auch verbal, wobei realistisch heisst: unter Berücksichtigung des Alters und weiterer Faktoren. So können sie zum Beispiel in ruhigem Ton sagen: «Hier wird es rutschig! Vorsicht, jetzt kommen grosse Steine!» statt «Fall' nicht hin! Pass auf und stolpere nicht!». Oder sie können vor einem Klettergerät sagen: «Da solltest Du besonders gut aufpassen und vorsichtig sein. Dann kannst Du es schaffen!», statt: «Das darfst Du nicht, Du wirst Dir weh tun!»

Kann sich Ihr Kind auch über einen Tischtennis-Match, einen Ausflug mit dem Rad oder eine Wanderung in die Berge freuen – oder nur über spezielle «Action-Angebote» und «Mega-Events»?


Jürg Frick: Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche fähig sind, sich an einfachen Tätigkeiten zu freuen. Auch sollte das Erfüllen der Wünsche mit eigener Anstrengung verbunden sein. Dann bleiben die Wünsche der Kinder realitätsbezogen und werden kaum in den Himmel wachsen.

Kommt es öfters vor, dass Sie Ihr Kind noch schnell zur Schule bzw. in den Kindergarten fahren?


Marlis Eeg-Blöchliger: Kinder erleben auf dem Schulweg die unterschiedlichsten Situationen, sie begegnen unterschiedlichen Menschen und Tieren. Auf diese Weise vertieft sich ihr Erfahrungsschatz und ihr Verständnis von der Welt. Hinzu kommt die körperliche Bewegung. Eltern sollten ihr Kind deshalb höchstens ausnahmsweise zur Schule fahren.

Wer bringt den Müll raus? Wer deckt den Tisch?


Jürg Frick: Verwöhnte Kinder haben häufig massive Defizite in alltäglichen Dingen. Ämter im Haushalt tragen dazu bei, dass Kinder alltägliche Fertigkeiten entwickeln und Verantwortung in einer Gemeinschaft übernehmen. Im Alltag ist es jedoch häufig so, dass die natürlich vorhandene Hilfsbereitschaft kleiner Kinder abgewürgt wird.

Da will ein Kind beispielsweise die Eier in den Kühlschrank räumen, doch die Mutter ruft rasch: ‹Ich mach' das!› Dabei könnte sie dem Kind beibringen, die Eier ganz vorsichtig einzuräumen. Das gäbe ihm ein Gefühl für die Zerbrechlichkeit von Eiern und das Vertrauen, dass man seine Hilfe braucht.

Es ist übrigens auch kein Zufall, dass viele verwöhnte Kinder schlecht mit Scheren umgehen können.

Loben Sie Ihr Kind wiederholt auch für selbstverständliche oder banale Leistungen?


Jürg Frick: Kinder, die bereits auf kleinste Anstrengungen unangemessen positive Rückmeldungen erhalten, neigen als Jugendliche und Erwachsene dazu, zu schnell mit ihren Leistungen zufrieden zu sein. Wenn sie dann kein Lob erhalten, verstehen sie die Welt nicht mehr. Klagen und Schuldzuweisungen sind die häufige Folge. Eltern sollten eine richtige Balance finden zwischen ausreichender Zuwendung und unangemessener Anerkennung. 

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