Eine Flut von Reizen beansprucht täglich unsere Aufmerksamkeit. Welche Faktoren unseren Fokus aufs Wesentliche beeinträchtigen können.
Texte: Andrea Pauli
Hastig am Coffee-to-go-Becher nippend zum Trämli eilen und nebenbei die neuesten Meldungen auf dem Smartphone durchscrollen: Wenn man sich das Strassenbild eines gewöhnlichen Arbeitstages anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, wir sind eine Gemeinschaft von Multitaskern geworden, stets extrem fokussiert. Dem steht allerdings die Tatsache gegenüber, dass sich immer mehr Menschen darüber beklagen, sich nicht mehr gut konzentrieren zu können, sei es am Arbeitsplatz, beim Lernen oder in einer Vielzahl von Situationen, die hohe Aufmerksamkeit und «ganz dabei sein» fordern.
Weshalb kommt uns die Konzentrationsfähigkeit abhanden? Ganz oben auf der Liste der verdächtigen Konzentrationskiller: die digitale Reizüberflutung. Wie stark deren Einfluss tatsächlich ist, darüber ist sich die Wissenschaft allerdings nicht einig. Eine Untersuchung in den USA konnte zeigen, dass nur schon die Anwesenheit des Handys unsere Konzentrationsfähigkeit sinken lässt. In der Studie wurden 548 Studierende gebeten, mehrere Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit zu machen. Das Ergebnis: War das Smartphone in der Nähe (egal ob auf dem Tisch oder in der Tasche), konnten sich die Studierenden messbar schlechter konzentrieren. Der Effekt war am stärksten bei denjenigen, die im Alltag auch am meisten suchtähnliches Verhalten mit ihrem Handy gezeigt haben. Auch eine Erhebung der IU, der Internationalen Hochschule Erfurt, kam zu dem Schluss, dass das Smartpone besonders junge Menschen vom Lernen ablenkt. Demnach nannten rund zwei von drei Befragten im Alter von 16 bis 25 Jahren das Mobiltelefon als Störfaktor. Damit waren die Geräte der am häufigsten genannte Ablenkungsgrund bei der sogenannten Generation Z. Auch bei Menschen zwischen 26 und 40 gilt das Handy als grösster Ablenkungsfaktor.
Positiver sieht eine Forschungsgruppe um die Psychologin Denise Andrzejewski von der Universität Wien die Sache: Erwachsene könnten sich heute womöglich sogar etwas besser konzentrieren als vor 20 bis 30 Jahren. Das ergab eine Metaanalyse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift «Personality and Individual Differences». Elsbeth Stern, emeritierte Professorin der ETH Zürich am Institut für Verhaltensforschung, ist der Ansicht, dass die Aufmerksamkeitsspanne zwar insofern etwas gelitten habe, als man schneller zu einer anderen Sache springe, wenn man bei einer Aufgabe einmal nicht weiterkomme. Sie glaubt jedoch nicht, dass die grundsätzliche Fähigkeit, sich zu konzentrieren, durch die Internetnutzung stark beeinflusst wird. «Es ist eher so, dass die Leute weniger nachdenken und sofort eine Ablenkung haben wollen», wird sie in diversen Presseartikeln zitiert.

Als einer der Hauptgründe für Konzentrationsprobleme gilt Stress. Er beeinflusst unser Gehirn und dessen Fähigkeit, Informationen effektiv zu verarbeiten. Bei sehr grossem, aber auch bei chronischem Stress können Stresshormone die Gedächtniszentrale im Gehirn überlasten, und es kommt zu Blockaden und Aussetzern, so Forschende der Uniklinik Freiburg im Breisgau. Wissenschaftler des Münchner Max-Planck- Instituts für Psychiatrie haben bisher unbekannte Neuronen identifiziert, die bei chronischem Stress aktiv werden.
Schlafmangel ist ein weiterer wesentlicher Faktor, der die Konzentration beeinträchtigt. Auch das, was wir essen und trinken, hat unmittelbare Auswirkungen auf das Gehirn und somit auf die Konzentrationsfähigkeit. Bewegungsmangel gilt ebenfalls als beeinträchtigender Faktor in puncto Konzentration.
Mangelnde Konzentration, ob bei Kindern oder Erwachsenen, ist übrigens kein Zeichen für mangelnde Intelligenz. US-Forscher fanden heraus, dass Konzentrationsschwierigkeiten durch Probleme beim Filtern äusserer Reize und beim Fokussieren verursacht werden. Eine Studie, veröffentlicht in «Nature», enthüllt den Prozess, mit dem das Gehirn diese beiden Funktionen koordiniert. Der Neurowissenschaftler Dr. Harrison Ritz, Hauptautor der Studie, verglich den Vorgang mit dem Koordinieren der Muskelaktivität, um komplexe körperliche Aufgaben auszuführen. Demnach muss das Gehirn die eingehenden Reize sowohl filtern als auch fokussieren. Ritz betont die Bedeutung der mentalen Koordination gegenüber der geistigen Kapazität: «Die Ergebnisse ermöglichen eine andere Sichtweise darauf, warum wir nicht immer fokussiert sind. Es ist nicht so, dass unser Gehirn zu einfach ist, sondern dass unser Gehirn wirklich kompliziert ist.»
Neben alltäglichen Gewohnheiten helfen gezielte Konzentrationsübungen, die mentale Aufmerksamkeit zu stärken. Das Gute: Sie lassen sich in wenigen Minuten am Tag durchführen.
Inspirierende Übungen und Anleitungen finden Sie hier: Tipps für bessere Konzentration im Alltag

Babys und Kleinkinder konzentrieren sich intuitiv: Sie richten sich je nach Interesse auf bestimmte Menschen, Gegenstände oder Vorgänge. Die Zeitspanne, in der sich ein Baby respektive Kleinkind auf eine Sache fokussieren kann, ist begrenzt. Kinder dieses Alters lassen sich schnell ablenken und vergessen
prompt, was sie zuletzt getan haben. Das ist normal und heisst nicht, dass dieses Kind ein Aufmerksamkeitsproblem hat. Denn viele für Erwachsene selbstverständliche Vorgänge, etwa Krabbeln, Laufen, Essen, sind für die Kleinsten unglaublich anspruchsvoll und erfordern erhebliche Konzentration.
Wie lange können sich Kinder ohne Pause im Durchschnitt konzentrieren?
Diese Angaben sind ungefähre Werte; sie können je nach Quelle variieren.

Wer sich als Eltern pubertierender Kinder über deren unkonzentriertes Verhalten ärgert – bitte durchatmen! Denn verantwortlich dafür sind Veränderungen im Gehirn, und diese beeinträchtigten die Lernfähigkeit, erklären Wissenschaftlerinnen. Ging man früher davon aus, dass das Gehirn eines sechsjährigen Kindes so gut wie ausgewachsen ist, zeigten Studien, dass das nicht stimmt. Pionier auf diesem Gebiet ist der US-Psychiater Jay Giedd. Er fand u.a. heraus, dass in der Pubertät neue Verbindungen zwischen Nervenzellen geknüpft werden und andere dafür verschwinden. Von diesen Vorgängen sind in erster Linie die sogenannten Stirnlappen betroffen. In dieser Hirnregion befindet sich ein wichtiges Kontrollzentrum. Womöglich sind turbulente Launen, Vergesslichkeit und Unberechenbarkeit sowie auch Lernschwächen vieler Pubertierender Resultate dieser Umbaumassnahmen.
Wie kann man da hilfreich zur Seite stehen?
Der Neuropsychologe Prof. Lutz Jäncke empfiehlt Eltern in einem Interview mit dem Magazin «Fritz & Fränzi» beispielsweise, ihre Kinder dazu zu bringen, Dinge bewusst nacheinander zu tun. «Musik oder soziale Netzwerke sind etwas für die Pausen, zum Entspannen. Gamen sollten Kinder erst, wenn alles abgeschlossen ist. Denn die Belohnungsreize wirken fast wie Drogen auf das Gehirn. Danach ist es für ein Kind schwierig, sich wieder an die Hausaufgaben zu setzen.» Spielekonsolen sind heute Standard in Kinder- und Jugendzimmern. Das kann man kritisch sehen. Immerhin: Es gibt Games mit didaktischem Wert, die zum Lernen anregen, visuelle Kompetenzen fördern und die Koordination verbessern.
