Weltweit wird intensiv zum Schlaf geforscht, denn noch längst hat man nicht alle Mechanismen verstanden. Ein kleiner Einblick, womit sich aufgeweckte Forschende in der Schweiz beschäftigen.
Zu Besuch im Swiss Sleep House Bern bei Dr. Albrecht Vorster, der Schlafstörungen mit kognitiver Verhaltenstherapie begegnet.
Text/Interview: Andrea Pauli
«Schlaferkrankungen haben immer einen Verhaltensanteil», sagt Dr. Albrecht Vorster. Das ist nicht als Schuldzuweisung gemeint, sondern schlicht Erkenntnis aus seiner täglichen Arbeit am Sleep House Bern. Der Wissenschaftler lehrt besseres Schlafen durch Verhaltensänderungen. Dabei stehen die Hauptursachen von Schlafproblemen im Fokus, also Insomnie, schlafbezogene Atemstörungen und das Restless-Legs-Syndrom, aber auch Schichtarbeit und schlafbezogene Essstörungen. Nach 20 Jahren kaputtem Schlaf, z.B. aufgrund von Schichtarbeit oder eines Restless-Legs-Syndroms, muss man erst wieder lernen, wie normaler Schlaf funktioniert, auch wenn der ursprüngliche Auslöser bereits behoben wurde», so Dr. Vorster. Weshalb die meisten Betroffenen, die das Sleep House für eine erste Abklärung aufsuchen, «dann auch eine Therapie bei uns wahrnehmen».
Gedankliche Annahmen verändern
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat das Ziel, Denk- und Verhaltensmuster zu verändern, die vom Schlaf abhalten können. Also typische Gedanken wie «Wenn ich jetzt nicht sofort einschlafe, überstehe ich den Tag morgen nicht» zu verwandeln in eine neutralere Betrachtungsweise à la «Auch mit etwas weniger Schlaf werde ich es morgen durch den Tag schaffen». Ziel ist, unrealistische und übertriebene Annahmen zu verändern. Betroffene lernen am Sleep House viel über ihren eigenen Schlaf und wie der Schlaf reguliert wird. Es werden individualisierte Verhaltensweisen erlernt, die sich günstig auf den Schlaf auswirken können. Weitere Methoden der KVT sind Entspannungstechniken (autogenes Training, progressive Muskelentspannung), Schlafhygiene (Gewohnheiten rund um den Schlaf verbessern), Stimuluskontrolle und Begrenzung der Zeit im Bett.
Meist ändert sich das Schlafverhalten aufgrund eines akuten Ereignisses. Dieses Misstrauen dem Schlaf gegenüber bleibt bestehen, auch wenn der akute Auslöser nicht mehr vorhanden ist.
Ursachen herausfinden
Wichtig ist natürlich, überhaupt erst mal Bescheid zu wissen, weshalb man schlecht schläft. Und hier macht das Swiss Sleep House Bern ein gutes Angebot: Man kann einfach ohne Voranmeldung reinspazieren (Walk-In) und den kostenlosen, fünfminütigen Schlaf-Check per Fragebogen durchführen. In der Regel könne man damit bereits die Ursache der Schlafstörung identifizieren, so Dr. Vorster. Zwei Wochen lang führen die Patientinnen und Patienten dann ein detailliertes Schlafprotokoll. Auf dieser Basis bestimmen die Mitarbeitenden des Sleep House Lebensstil-Interventionen für einen besseren Schlaf respektive ein Therapiekonzept. Betroffene können dazu die notwendigen Geräte mit nach Hause nehmen und die Messungen selbst vornehmen. Je nach Fall, schliesst sich eine Einzel- oder Gruppentherapie an. Sechs bis zwölf Therapiestunden im Abstand von zwei Wochen sind – im Fall einer Insomnie – in der Regel erforderlich. Bei Bedarf wird man für weitere Abklärungen und Behandlungen an das Universitäre Schlaf-Wach- Epilepsie-Zentrum (SWEZ) des Inselspitals Bern oder an die Pneumologie der Insel-Gruppe überwiesen.
Über seine Arbeit als Co-Leiter am Swiss Sleep House Bern und sein aktuelles Forschungsprojekt zur Verbesserung des Schlafs von Spitalpatienten berichtet Dr. rer. nat. Albrecht Vorster in unserem Online- Video-Interview.
Dass zu Schlaf, Schlafverhalten und Schlafstörungen geforscht wird, ist keineswegs selbstverständlich. Die Disziplin fristete ein Schattendasein und galt als Fachgebiet, in dem es um nichts Akutes geht. Das ist relativ verständlich vor dem Hintergrund, dass Schlaf eine Selbstverständlichkeit ist. Schlafprobleme und -krankheiten wurden häufig als Nebensächlichkeiten betrachtet. Auch, weil sie eher unauffällig bzw. schleichend daherkommen. Das hatte lange Zeit zur Folge, dass viele Schlaferkrankungen nicht erkannt oder fehldiagnostiziert wurden. Zum Glück für alle Betroffenen hat sich das gewandelt. Schlafforschung und Schlafmedizin werden heute intensiv betrieben – etwa in Bern. Forschung und Praxis laufen dort Hand in Hand, Erkenntnisse aus Studien fliessen unmittelbar in die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten ein.
Mit Schlaf als Therapieansatz bei Hirnschlag befasst sich die Forschungsgruppe um Prof. Claudio Bassetti, ehemaliger Direktor der Uniklinik für Neurologie Bern, und Prof. Antoine Adamantidis, Direktor des Zentrums für experimentelle Neurologie (ZEN). In dieser «Proof-of-Concept»-Studie konnte das Team der beiden Forscher der Universität Bern aufzeigen, dass die Induktion (das Herbeiführen) von langsamwelligem Schlaf bei einem Nagetiermodell die motorische Erholung nach einem Schlaganfall verbessert.
Man wandte dabei die Optogenetik an, eine Technologie, mit der sich neuronale Aktivität und Hirnwellen mit Licht kontrollieren lassen. Diese Erkenntnisse bringen ausserdem langsame Wellen (ein während des Schlafs vorherrschender Typ von Hirnwellen) mit der Förderung der Plastizität des Gehirns in Verbindung.
Magnesium trägt zur normalen Funktion des Nervensystems und normalen psychischen Funktion bei.

Die Interfakultäre Forschungskooperation «Decoding Sleep: From Neurons to Health & Mind» ist ein mittlerweile abgeschlossenes interdisziplinäres, von der Universität Bern gefördertes Projekt und umfasste 13 Forschungsgruppen. Es zielte darauf ab, ein neues und vertieftes Verständnis der Funktion und Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus' zu erlangen und Strategien für frühzeitige und personalisierte Therapien von Schlaf-Wach- und neuropsychiatrischen Störungen zu entwickeln.
Die Schlafforschung und -medizin hat in Bern eine über 40-jährige Tradition, die in den 1980er-Jahren mit der Aufzeichnung von Hirnströmen sowie von Augen- und Atembewegungen begann.
Aus der Zusammenarbeit von Pneumologinnen und Neurologen entstand in den 1990er-Jahren das erste interdisziplinäre Schlaflabor der Schweiz. Dann stiessen auch die Psychiatrie und die Pädiatrie (Kinderheilkunde) hinzu. «In den vergangenen 12 Jahren haben wir viel investiert und Forschende aus noch mehr verschiedenen Bereichen um das Thema Schlaf versammelt », freut sich Prof. Claudio Bassetti. So entstanden das Zentrum für experimentelle Neurologie (ZEN) und das NeuroTec-Labor, wo Schlafforschende mit Ingenieurinnen und Ingenieuren zusammenarbeiten, um neue Untersuchungsgeräte zu entwickeln.
Wenn wir wach sind, nehmen wir Schmerzen heftig wahr. Im Schlaf jedoch ist unsere Wahrnehmung stark eingeschränkt. Wird unser Gehirn des Nachts folglich von der Umgebung «abgekoppelt»? Prof. Thomas Nevian und sein Team (Institut für Physiologie, Uni Bern) widmen sich den Hirnstrukturen, die diesem Phänomen zugrunde liegen. Die neuronalen Netzwerke, die sowohl für den Schlaf als auch für die Verarbeitung von Sinneseindrücken von Bedeutung sind, finden sich im Neokortex (jüngster Teil des Grosshirns, der die Hirnlappen bildet) und im Thalamus, dem «Tor zum Bewusstsein». Das Team um Prof. Nevian möchte die Reizverarbeitung während des Schlafs und die dabei beteiligten Hirnmechanismen besser verstehen. Diese Erkenntnisse könnten künftig dazu beitragen, dass chronische Schmerzen im Schlaf «verlernt» werden.
Eine spannende Entdeckung der Forschungsgruppe um Prof. Antoine Adamantidis war, wie das Gehirn den Schlaf-Wach-Zyklus steuert. Nämlich nicht, wie bislang angenommen, über zwei unterschiedliche Hirnregionen. Vielmehr fanden die Wissenschaftler heraus, dass eine einzige Schaltzentrale dafür zuständig ist: der Thalamus (grösster Teil des Zwischenhirns, Sammelstelle für Sinneseindrücke).
Eine kleine Gruppe von Nervenzellen im Thalamus steuert sowohl das Einschlafen wie auch das Aufwachen. In ihrer Untersuchung setzten die Forschenden eine Optogenetik genannte Technik ein: Mittels Lichtimpulsen konnten so die entscheidenden Nervenzellen von Mäusen präzise gesteuert werden.

Manche Babys schlafen im Alter zwischen sechs und zwölf Monaten bereits bis zu sechs Stunden am Stück durch. Andere hingegen wecken ihre Eltern ein- bis zweimal pro Nacht. Das alles ist normal und jeder kleinkindliche Schlafrhythmus individuell. Sollte ein Baby allerdings über Monate hinweg schlecht einschlafen, Nacht für Nacht ohne ersichtlichen Grund aufwachen, schreien und weinen, geht das an die Belastungsgrenze von Mami und Papi. Die Folge: Die Eltern sind chronisch übermüdet.
Möglicherweise kann ein Schlafcoaching fürs Baby sinnvoll sein. Es eignet sich für Kinder, die mindestens ein halbes Jahr alt sind und ohne nächtliche Mahlzeiten auskommen können. Beim Schlafcoaching geht es darum, dass das Baby selbst die Fähigkeit entwickelt, in der Nacht mehrere Stunden durchzuschlafen. Sollte es trotzdem erwachen, ist das Ziel, dass das Kind sich selbst beruhigt und wieder von alleine wieder einschläft. Kontakte fürs Baby-Schlafcoaching kann man über die Krankenkassen erfragen; auch im Internet finden sich zahlreiche Anbieter.
Babyschlaf & Darmflora
Bereits bei Säuglingen besteht ein Zusammenhang zwischen Schlafverhalten und Darmflora. Das zeigt eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie. Schon ab dem Alter von drei Monaten ist dies zu beobachten, wie die beiden Schlafforscherinnen Salome Kurth von der Universität Fribourg und Sarah Schoch von der Universität Zürich erstmals gezeigt haben. So schlafen Kleinkinder mit weniger vielfältigen Darmbakterien tagsüber mehr, und auch die Schlafmuster in der Nacht stehen in Wechselbeziehung mit den vorhandenen Bakterienarten.