Welchen gesundheitlichen Nutzen diese traditionelle «Diät» hat und wie man sie durchführt.
Text: Andrea Pauli
Hafer zählt zu den gesündesten Getreiden überhaupt und ist ausgesprochen nährstoffreich. Und er enthält, je nach Sorte und Anbaugebiet, rund 10 Prozent Ballaststoffe. Etwa die Hälfte davon besteht aus dem löslichen Ballaststoff Beta-Glucan, der sich vor allem in der Randschicht des Hafers befindet. Vom 10-prozentigen Ballaststoffgehalt des Hafers macht Beta-Glucan 4,5 Prozent aus. Hafer-Beta-Glucane besitzen ein sehr hohes Quellvermögen und binden im Körper Flüssigkeit, wodurch im Magen-Darm-Trakt eine zähflüssige Masse entsteht. Diese schützt die Darmschleimhaut; zudem wird der Nährstoffabbau im Dünndarm verlangsamt.
Das wiederum wirkt sich vorteilhaft auf den Blutzucker- und Cholesterinspiegel sowie auf das Sättigungsgefühl aus.
Hafer-Beta-Glucan ist also ein ganz wesentlicher Wirkungsfaktor dafür, dass der Blutzuckerspiegel nach einer entsprechenden Mahlzeit nicht zu schnell ansteigt. Das ist besonders für Typ-2-Diabetiker interessant, aber auch für alle, die mit ihrem Gewicht kämpfen, unter zu hohen Cholesterinwerten leiden, Leberfett abbauen müssen oder sonst ihrer Gesundheit etwas Gutes tun möchten.
Ideal für den Stoffwechsel ist eine zwei- bis dreitägige Kurzzeitkur. Dabei werden ausschliesslich warme oder kalte Haferspeisen verzehrt. Ergänzen kann man sie mit etwas Gemüse und Obst, sowie mit Kräutern und Gewürzen. Die Kalorienzufuhr liegt zwischen 800 und 1000 Kilokalorien pro Tag.
Pro Tag nimmt man drei Hafermahlzeiten zu sich, bestehend aus je 75 Gramm Haferflocken pro Mahlzeit (keine Zwischenmahlzeiten!). Die Haferflocken werden mit Wasser oder mit fettfreier Gemüsebrühe zubereitet (300–500 ml, kurz aufkochen, 5 Minuten quellen lassen). Gestattet sind maximal 100 Gramm Gemüse und maximal 50 Gramm Obst pro Tag (!) als Beigabe, um den Geschmack abzurunden.
Bevorzugt werden sollten Gemüse- und Obstsorten mit sehr wenig bis wenig Kohlenhydraten. Kräuter und Gewürze können nach Belieben verwendet werden. Ansonsten sind die Hafermahlzeiten «pur», also ohne Öl, Butter, Ei, Milch etc. einzunehmen. Tipp: Für mehr Geschmack kann man die Haferflocken vor der Zubereitung kurz in einer Pfanne ohne Fett anrösten. Wichtig: täglich mindestens zwei Liter Wasser zu sich nehmen!

Es gibt unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten:
Eine Haferkur bewirkt einige Stoffwechselveränderungen – also am besten in Absprache mit der Hausärztin durchführen, auch als gesunder Mensch. Diabetiker sollten eine Haferkur zwingend mit dem Diabetologen absprechen. Denn wer insulinpflichtig ist, muss die Insulinmenge anpassen – es gilt, eine mögliche Unterzuckerung zu vermeiden. Eine engmaschige Kontrolle der Blutzuckerwerte empfiehlt sich daher. Bewegung tut auch während der Hafertage gut, aber moderat und ohne sich zu überanstrengen. Bei akuten Erkrankungen verzichtet man lieber auf eine Haferkur.
Studien, die Effekte der traditionellen Haferkur untersucht haben, gibt es nur sehr wenige – aber eine ganze Reihe von Studien, welche die Wirkung von Hafer auf den Stoffwechsel und bei Typ-2-Diabetikern erforscht haben, so Ernährungswissenschaftlerin Dr. Claudia Miersch. Folgende Wirkungen zeigten sich:
Mehrere Studien wiesen zudem ein Absinken von Blutfetten wie dem LDL-Cholesterin nach, welches als Risikofaktor für das Auftreten von Gefässerkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall gilt.
Durch die erhebliche Kalorieneinschränkung kommt es zu einem raschen Abbau von Leberfett. Die im Hafer enthaltenen Ballaststoffe fördern die Ausscheidung von Gallensäuren. Zur Bildung neuer Gallensäuren benötigt der Körper Cholesterin. Infolgedessen sinkt bei regelmässigem Haferkonsum der Cholesterinspiegel im Blut. Bereits 66 Gramm Haferflocken pro Tag (entspricht 3 Gramm Beta-Glucanen) können den Cholesterinspiegel um 5 bis 10 Prozent reduzieren.
«Ich kann allen Menschen, egal ob stoffwechselgesund oder Patienten mit Diabetes, nur empfehlen, Hafer in die tägliche Ernährung einzubauen oder ab und zu die Haferdiätkur einzulegen, um den Stoffwechsel zu entlasten», resümiert Dr. Miersch.
Schon seit dem Mittelalter ist die blutzucker¬verbessernde Wirkung des Getreides be¬kannt. Wissenschaftlich damit beschäftigt hat sich Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Internist Carl von Noorden (1858–1944), als einer der ersten Ärzte. Auf ihn gehen die «Hafertage» (respektive die «Haferdiätkur») zurück, mit denen der Blutzucker von Diabe¬tikern erfolgreich gesenkt werden konnte.