Kleinstlebewesen im und auf dem Körper spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit wie auch bei verschiedenen Krankheiten. Ob sie schützen oder schaden, hängt von ihrer Mischung ab.
Text: Gisela Dürselen
Billionen von Mikroorganismen leben in und auf dem Körper eines jeden Menschen: Bakterien und Viren, Pilze und Hefen, Parasiten und die sogenannten Archaeen, die Bakterien ähneln, jedoch eine eigene Gruppe darstellen. Sie alle zusammen heissen Mikrobiota; ihre DNA wird Mikrobiom genannt. Die Entdeckung der ganzen Vielfalt dieser Kleinstlebewesen ist der Gentechnik zu verdanken. Denn erst die Entschlüsselung von DNA-Sequenzen ermöglichte die Analyse von Organismen, die vorher unter dem Mikroskop nicht zu erkennen waren: Darmbakterien, die ein sauerstofffreies Milieu brauchen und an der Luft sogleich sterben.
Zirka ein bis eineinhalb Kilogramm wiegen die mikrobiellen Darmbewohner eines Menschen. Der Darm ist der am dichtesten besiedelte Ort des Körpers. Seine Mikroorganismen verdauen Nahrung, neutralisieren eindringende Toxine und Keime, sind wesentlicher Bestandteil des Immunsystems und produzieren wichtige Vitamine, Enzyme und Botenstoffe. Mit Hilfe ihrer Botenstoffe kommunizieren sie über die sogenannte Darm-Hirn-Achse mit dem Gehirn.
Diese Verbindung kann bei grosser Nervosität zu Toilettengängen führen – und ist auch der Grund, warum die Darmflora eventuell eine Rolle spielt bei psychischen und neurologischen Krankheiten wie Angststörung, Depression und Multiple Sklerose (MS). Im gesunden Zustand stellt der Körper für seine winzigen Mitbewohner – ähnlich wie die Natur mit ihren Ökosystemen – optimale Lebensräume zur Verfügung: Auf trockener Haut fühlen sich andere Lebewesen wohl als im feuchten Mund und Rachen, in den Genitalien oder im Darm. Weil manche Mikroorganismen jedoch selbst potenziell krankheitserregend sind, entscheiden – ebenfalls wie in der Natur die Vielfalt und das Verhältnis der einzelnen Teile zueinander, ob das System als Ganzes funktioniert.
Ein Lebensstil mit wenig Bewegung und einer ballaststoffarmen, fett- und zuckerreichen, industriell verarbeiteten Kost führt zu einer Verarmung der Mikroben-Diversität und gefährdet die Gesundheit. So lauten Hypothesen, die sich auf eine Reihe von Studien beziehen. Eine von der kalifornischen Stanford Universität 2016 im Fachmagazin «Nature» veröffentlichte Untersuchung belegte die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mikroben-Diversität an Mäusen. Mit einer ballaststoffarmen Kost vererbten die Tiere ihre verarmte Mikrobenpopulation an die nächste Generation weiter. 2012 erschien im Magazin «Science Advances» eine US-amerikanische Untersuchung, bei der Stuhlproben von amerikanischen Städtern mit jenen von Bauern aus Malawi und von Amazonas-Indianern verglichen wurden: Die geringste Vielfalt in ihrer Darmflora hatten die US-Bürger; bei den lange isoliert lebenden Yanomami-Indianern stellten die Forscher die grösste jemals im menschlichen Mikrobiom gemessene Vielfalt fest.
Zivilisationsleiden wie Lebensmittelunverträglichkeiten, krankhafte Fettleibigkeit, Alzheimer, Autoimmunkrankheiten und Parkinson sind vielfach begleitet von einer auffällig veränderten Darmflora. Krankheiten wie Depression und Angstzustände gehen oft mit einem sogenannten Reizdarm-Syndrom einher. Dies legt die Vermutung nahe, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und dem Darm besteht – auch wenn noch unklar ist, ob die veränderte Darmflora Ursache oder Resultat der jeweiligen Krankheit ist.
Fest steht, dass einige Mikroorganismen zur Grundausstattung eines jeden Menschen gehören, ferner, dass Patienten mit bestimmten Krankheiten über ähnliche Mikrobenpopulationen verfügen – im Übrigen jedoch das Mikrobiom eines jeden Menschen so individuell wie ein Fingerabdruck ist. Welche Lebewesen einen Menschen letztlich begleiten, hängt vermutlich von einer Vielzahl von Ursachen ab: Im Gespräch sind Faktoren wie Klima und Hygiene, Bewegung und Stress, Geschlecht und Alter, medizinische Versorgung und vor allem Ernährung.
Bereits die Geburt setzt ein Fundament: Holt sich ein Kind seine mikrobielle Erstbesiedelung im Geburtskanal und später beim Stillen durch die Mutter oder tritt es per Kaiserschnitt ins Leben und saugt an der Flasche?